Bitcoin ist anders als alle anderen Vermögenswerte, die du besitzt. Dein Bankkonto können Erben über die Bank entsperren lassen — mühsam, aber machbar. Deine Aktien beim Broker werden automatisch Teil der Erbmasse und übertragen. Aber Bitcoin?
Bitcoin gehört technisch gesehen demjenigen, der den Private Key kontrolliert. Nicht demjenigen, dessen Name in einem Testament steht. Nicht der Person, die beweisen kann dass sie der rechtmässige Erbe ist. Sondern demjenigen der den Schlüssel hat.
Ohne Seed Phrase oder Private Key gibt es keinen Notfallzugang. Keine Behörde die helfen kann. Keine Hotline. Nichts.
Die Zahlen sprechen für sich: Geschätzte 20% aller jemals geminten Bitcoin gelten als permanent verloren — ein erheblicher Anteil davon durch Todesfälle ohne Vorsorge. Bei einem Bitcoin-Preis von 90'000 CHF sind das astronomische Summen.
Was das Schweizer Recht sagt
Rechtlich ist die Sache klar: Bitcoin ist Vermögen und fällt nach Schweizer Recht in die Erbmasse (ZGB Art. 560). Erben treten automatisch in die Rechtsstellung des Erblassers ein — also auch in den Anspruch auf das Bitcoin.
Das Problem: Die Rechtsstellung und der technische Zugang sind zwei verschiedene Dinge. Du kannst der rechtmässige Erbe sein und trotzdem keinen Rappen davon je sehen, wenn dir die Seed Phrase fehlt.
Schweizer Besonderheit: Die ESTV (Eidgenössische Steuerverwaltung) behandelt Bitcoin als Vermögenswert. Das bedeutet, er muss im Vermögenssteuerausweis deklariert werden — und er fällt auch in die Nachlassmasse. Für Erben kann das steuerliche Konsequenzen haben: Je nach Kanton und Verwandtschaftsgrad fällt Erbschaftssteuer an.
Die zwei Szenarien — und wie du sie angehen musst
Szenario A: Bitcoin auf einem Hardware Wallet
Das ist die empfohlene Aufbewahrungsform für grössere Beträge. Sicher gegen Hacks — aber eben auch gegen unvorbereitete Erben. Damit deine Erben rankommen, brauchen sie:
- Das Hardware Wallet (Ledger, Trezor, Coldcard o.ä.)
- Den PIN des Geräts — oder alternativ:
- Die Seed Phrase (24 Wörter) um auf einem neuen Gerät wiederherzustellen
- Eine Anleitung was sie damit tun sollen
Wichtig: Seed Phrase und Gerät sollten getrennt aufbewahrt werden. Wer beides zusammen findet, hat sofort Zugang zu deinem Bitcoin — das soll nur dein Erbe sein, nicht ein Einbrecher.
Szenario B: Bitcoin auf einer Exchange (Kraken, Binance, Coinbase etc.)
Exchanges sind technisch einfacher für Erben — es ist wie ein normales Konto. Aber: Die meisten Exchanges verlangen für Nachlass-Anfragen aufwändige Dokumentation (Erbschein, beglaubigte Übersetzungen etc.). Das dauert Wochen bis Monate.
Ausserdem gilt: "Not your keys, not your coins" — Exchange-Pleiten (wie FTX 2022) zeigen, dass dieser Weg seine eigenen Risiken hat. Für grössere Beträge ist ein Hardware Wallet trotzdem vorzuziehen.
Der sichere Übergabe-Plan — Schritt für Schritt
Aufbewahrungsort des Hardware Wallets dokumentieren
Wo liegt das Gerät? Tresor, Schublade, Bankschliessfach? Deine Vertrauensperson muss das wissen.
PIN separat hinterlegen
Der PIN ins Nachlassdokument schreiben. Getrennt vom Gerät aufbewahren, aber zugänglich für die Vertrauensperson.
Seed Phrase auf Metall sichern und getrennt lagern
Papier verbrennt. Metallplatten (Cryptotag, Blockplate) nicht. Seed Phrase einschlagen und an einem anderen Ort lagern als das Gerät — z.B. Bankschliessfach.
Anleitung für Erben schreiben
Erkläre Schritt für Schritt was zu tun ist: Gerät nehmen, PIN eingeben, Guthaben übertragen. Oder: Seed Phrase nehmen, neues Gerät kaufen, wiederherstellen. Verweise auf Hilfe wenn nötig.
Vertrauensperson briefen
Die Person muss wissen, dass es Bitcoin gibt, wo das Dokument liegt — und dass sie im Zweifel einen Bitcoin-Fachmann beiziehen soll, bevor sie irgendetwas tut.
Das häufigste Missverständnis
Viele denken: "Ich hinterlasse meinen Erben das Passwort meiner Exchange — das reicht." Das stimmt für Exchange-Bitcoin — aber es gibt dabei einige Fallen:
- 2FA auf dem Smartphone: Wenn der Authenticator-Code auf deinem gesperrten Handy ist, kommt dein Erbe trotz richtigem Passwort nicht rein.
- E-Mail-Verifizierung: Viele Exchanges schicken bei Logins einen Bestätigungscode an die E-Mail. Ohne Zugang zur E-Mail: kein Zugang zur Exchange.
- KYC-Prozess im Todesfall: Die Exchange verlangt oft eigene Dokumente — Erbschein, amtliche Übersetzungen, notarielle Beglaubigungen. Das kostet Zeit und Geld.
Empfehlung für grosse Beträge: Hardware Wallet mit dokumentierter Seed Phrase ist sicherer und einfacher für Erben als Exchange-Bitcoin. Die Seed Phrase auf Metall ist die einzige Sicherung, die Feuer, Wasser und Zeit übersteht.
Was wenn du selbst wenig Ahnung hast?
Nicht jeder ist ein Bitcoin-Experte. Wenn du Bitcoin hauptsächlich als Investment hälst und die technischen Details überfordern, gibt es eine pragmatische Lösung:
Schreibe in deinem Nachlassdokument explizit, dass deine Erben im Todesfall einen Bitcoin-Fachmann beiziehen sollen — bevor sie irgendetwas tun. Eine falsche Transaktion ist unwiderruflich. Ein Beratungsgespräch kostet ein paar Hundert Franken und verhindert möglicherweise den Verlust von zehntausenden.
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